Tracking-Pixel in E-Mails: was das Öffnen über dich verrät
Ein Tracking-Pixel meldet dem Absender, wann und wo du seine Mail öffnest. Was dabei übertragen wird, wie du es erkennst und welche Einstellung es stoppt.
Am 2. Juli 2019 veröffentlichte der Designer Mike Davidson einen Blogeintrag mit der Überschrift „Superhuman is Spying on You“. Superhuman war damals ein gefeiertes neues Mailprogramm aus dem Silicon Valley. Davidson hatte bemerkt, dass es in jede verschickte Mail standardmäßig ein unsichtbares Tracking-Pixel einbaute. Wer eine solche Mail neunmal öffnete, hinterließ beim Absender ein Protokoll mit neun Einträgen, jeweils mit Uhrzeit und Ort. Der Empfänger merkte davon nichts. Einen Tag später lenkte die Firma ein: keine Ortsangaben mehr, die Funktion standardmäßig aus.
Superhuman hat damit nichts erfunden. Die Technik steckt seit Jahren in fast jedem Newsletter, und eine Studie der Universität Princeton zeigt, dass sie oft mehr verrät als den Zeitpunkt. In vielen Mails ging die Mailadresse dabei direkt an Werbefirmen, die mit dem Absender gar nichts zu tun hatten. Dazu unten mehr. In diesem Artikel geht es um die Seite, die bei der Suche nach dem Thema fast immer fehlt: deine als Empfänger. Was beim Öffnen übertragen wird, wie du es erkennst und welche Einstellungen wirklich etwas ändern.
Was ist ein Tracking-Pixel?
Eine E-Mail kann Bilder auf zwei Arten enthalten. Entweder hängen sie direkt an der Nachricht, oder die Mail enthält nur einen Verweis auf ein Bild, das auf einem Server im Internet liegt. Im zweiten Fall lädt dein Mailprogramm das Bild erst nach, wenn du die Mail öffnest. Genau diesen Moment nutzt das Pixel.
Die BBC beschrieb es 2021 so: Meist ist es eine GIF- oder PNG-Datei, die nur einen Bildpunkt groß ist und im Kopf, im Fuß oder mitten im Text der Mail sitzt. Oft hat sie die Farbe des Hintergrunds. Selbst wer weiß, wonach er sucht, sieht sie nicht. Und du musst nichts anklicken. Es reicht, die Mail zu öffnen.
Der Trick liegt in der Adresse des Bildes. Sie enthält eine Kennung, die für jeden Empfänger anders ist. Hannes Federrath, Informatikprofessor an der Universität Hamburg, hat das im Dezember 2025 gegenüber ZDFheute mit einem eigenen Test-Tool vorgeführt: Kaum war die Testmail geöffnet, erschien die Rückmeldung, und eine ID-Nummer zeigte, welcher Empfänger es war. Der Server des Absenders muss also nicht raten, wer die Mail gelesen hat. Das steht in der Anfrage selbst.
Lesebestätigung und Tracking-Pixel: der Unterschied
Viele kennen die Lesebestätigung aus Outlook oder Thunderbird. Der Absender setzt einen Haken, und beim Empfänger erscheint eine Frage: Soll eine Bestätigung verschickt werden? Das ist ein offizielles Verfahren. Der zugehörige Internet-Standard, RFC 8098 vom Februar 2017, beschreibt die Bitte als bloße Anfrage, die der Empfänger auch stillschweigend ignorieren darf. Er empfiehlt den Mailprogrammen ausdrücklich, vorher die Zustimmung des Nutzers einzuholen, und zwar zum Schutz seiner Privatsphäre. Voreingestellt sein soll, gar keine Bestätigung zu senden.
Das Tracking-Pixel umgeht diese Frage. Microsoft weist in seiner Outlook-Hilfe sogar eigens darauf hin, dass Tracking-Pixel nicht dasselbe sind wie eine Lesebestätigung.
| Lesebestätigung | Tracking-Pixel | |
|---|---|---|
| Wer weiß davon? | du, das Programm fragt nach | in der Regel nur der Absender |
| Kannst du ablehnen? | ja, mit einem Klick | nur über die Einstellung für externe Bilder |
| Was erfährt der Absender? | dass die Mail angezeigt wurde, ungefähr wann | Zeitpunkt jeder Öffnung, Anzahl, IP-Adresse, oft Gerät und Mailprogramm |
| Wie oft? | einmal pro Empfänger | bei jedem Öffnen erneut |
| Wer nutzt es? | Einzelpersonen, Büros | Newsletter, Shops, Vertrieb, Spammer |
Superhuman nannte seine Funktion übrigens „Read Receipts“, also Lesebestätigungen. Davidson hielt genau das für irreführend, weil Menschen bei dem Wort an einen Status denken, den sie ablehnen können. Firmenchef Rahul Vohra erklärte in seiner Antwort offen, wie die Funktion arbeitet: Das Programm baut ein winziges Bild in die Mail ein, der Bildserver protokolliert jeden Abruf und schätzt aus der IP-Adresse einen ungefähren Ort. Städte habe man bewusst nicht angezeigt, nur Bundesstaat oder Land. Vohra räumte aber ein, dass auch das von jemandem mit schlechten Absichten missbraucht werden könne.
Was beim Öffnen übertragen wird
Wenn dein Mailprogramm das Bild abruft, schickt es eine ganz normale Anfrage ins Netz, so wie ein Browser beim Laden einer Webseite. Was darin steckt, ist kein Geheimnis. Apple zählt es in seiner Datenschutzerklärung zum E-Mail-Datenschutz selbst auf: wann und wie oft du eine Mail geöffnet hast, ob du sie weitergeleitet hast, deine IP-Adresse und weitere Daten, aus denen sich ein Verhaltensprofil und dein Standort ableiten lassen.
| Angabe | woher sie kommt | was der Absender daraus macht |
|---|---|---|
| Zeitpunkt | Uhrzeit der Anfrage | wann du Mails liest, ob du auf Mails reagierst |
| Anzahl der Öffnungen | jede Öffnung ist eine neue Anfrage | wie interessiert du bist |
| IP-Adresse | Absender der Anfrage | grober Ort, Internetanbieter, Wiedererkennung |
| Programm und Gerät | Kennung des Mailprogramms in der Anfrage | Handy oder Rechner, welches Mailprogramm |
| deine Mailadresse | steckt oft verschlüsselt in der Bildadresse | Verknüpfung mit anderen Daten über dich |
Beim Ort lohnt ein genauerer Blick. Aus der IP-Adresse lässt sich meist nur die Stadt oder Region ableiten, die BBC schreibt aber, in manchen Fällen sei sogar die Straße erkennbar. Wie viel eine IP-Adresse tatsächlich verrät, haben wir im Artikel über IP-Adressen orten ausführlich beschrieben.
Federrath warnt im ZDF-Gespräch vor allem vor der Summe. Über längere Zeit lasse sich erkennen, ob jemand eher auf Urlaubsangebote, Gewinnspiele oder Kreditwerbung reagiert. Aus einzelnen Öffnungen wird so ein Profil.
Wie verbreitet E-Mail-Tracking ist
Die gründlichste Untersuchung stammt von Steven Englehardt, Jeffrey Han und Arvind Narayanan von der Universität Princeton. Sie erschien 2018 unter dem Titel „I never signed up for this!“ auf dem Privacy Enhancing Technologies Symposium, einer Fachkonferenz für Datenschutztechnik. Das Team ließ ein Programm auf 15.700 Webseiten Newsletter abonnieren und sammelte so 12.618 Mails von 902 Absendern.
Die Ergebnisse fallen deutlich aus. 85 Prozent der Mails luden Inhalte von fremden Servern nach, 70 Prozent enthielten Elemente, die gängige Schutzlisten als Tracker führen. Pro Mail mit externen Inhalten waren im Schnitt 5,2 fremde Firmen beteiligt. Fast 900 verschiedene Drittanbieter tauchten insgesamt auf, und Dienste aus dem Google-Konzern steckten in einem Drittel aller Mails.
Der heikelste Befund betrifft die Mailadresse selbst. Rund 29 Prozent der Mails gaben die Adresse des Empfängers beim Öffnen an mindestens eine dritte Firma weiter, oft als Teil der Bildadresse, manchmal verschlüsselt. In 62 Prozent dieser Fälle war das nach Einschätzung der Forscher Absicht. Die Werbefirma kann deine Adresse dann mit dem verknüpfen, was sie über dein Surfen im Netz schon weiß.
Drei Jahre später ließ die BBC den Mailanbieter Hey seinen Verkehr durchsehen. Ergebnis: Zwei Drittel der Mails an private Postfächer enthielten ein Tracking-Pixel, Spam schon herausgerechnet. Hey-Mitgründer David Heinemeier Hansson sagte, ein Kunde bekomme im Schnitt 24 solcher Mails am Tag. Unter den Absendern waren große britische Firmen wie British Airways, Vodafone und Tesco.
So erkennst du Tracking in deinen Mails
Ein Warnschild gibt es in den meisten Programmen nicht. Hansson hat es gegenüber der BBC so formuliert: Es gebe in den meisten Mailprogrammen keine Markierung, die sagt, diese Mail enthält ein Spionage-Pixel. Ein paar Hinweise kannst du trotzdem selbst finden.
Der einfachste: Stell dein Programm so ein, dass es externe Bilder nicht automatisch lädt. Viele Newsletter zeigen dann eine Leiste mit dem Hinweis, dass Inhalte blockiert wurden. Thunderbird schreibt etwa, es habe zum Schutz deiner Privatsphäre entfernte Inhalte blockiert. Das heißt noch nicht, dass ein Pixel dabei ist. Es heißt aber, dass die Mail beim Öffnen fremde Server kontaktieren würde.
Wer genauer schauen will, öffnet den Quelltext. In Gmail heißt das „Original anzeigen“, in Thunderbird „Quelltext anzeigen“, in Apple Mail auf dem Mac „Rohquelle“. Dort suchst du nach Bildern, die mit width=“1” und height=“1” eingebunden sind, oder nach Bildadressen mit langen, zufällig wirkenden Zeichenketten am Ende. Diese Zeichenkette ist oft die Kennung, die dich identifiziert. Ganz sicher ist diese Suche nicht, denn ein Tracker kann auch in einem großen, sichtbaren Logo stecken.
Was dein Mailprogramm von sich aus tut
Die großen Anbieter gehen sehr unterschiedlich mit dem Problem um. Die Princeton-Forscher haben 2018 auch das geprüft und 16 Mailprogramme getestet. Nur Gmail und der russische Anbieter Yandex holten Bilder damals über eigene Server ab. Die meisten anderen luden Bilder automatisch, solange eine Mail nicht als Spam galt. Seitdem hat sich einiges bewegt, vor allem bei Apple. Die Übersicht beruht auf den Hilfeseiten der Hersteller, Stand Oktober 2026.
| Mailprogramm | Standardverhalten | was der Absender noch sieht |
|---|---|---|
| Apple Mail mit „Mail-Aktivität schützen“ | lädt Bilder im Hintergrund über zwei getrennte Relais, auch ungeöffnete Mails | weder Öffnung noch echte IP-Adresse, Links und Anhänge sind nicht geschützt |
| Gmail | lädt Bilder automatisch über Googles eigene Server | laut Google weder Ort noch Rechner, aber manchmal, dass du geöffnet hast |
| Outlook (klassisch) | blockiert automatische Bilddownloads | nichts, bis du Bilder freigibst |
| Thunderbird | blockiert entfernte Inhalte | nichts, bis du sie erlaubst |
Apple hat den E-Mail-Datenschutz im Juni 2021 mit iOS 15 angekündigt. Der Trick ist radikal: Apple Mail lädt externe Inhalte schon beim Empfang herunter, ob du die Mail öffnest oder nicht. Für den Absender sieht jede Mail geöffnet aus, was die Rückmeldung wertlos macht. Laut Apple laufen die Abrufe über zwei Relais verschiedener Betreiber. Das erste kennt deine IP-Adresse, aber nicht den Inhalt, das zweite kennt den Inhalt, aber nicht deine Adresse. Auf dem iPhone findest du die Option unter Einstellungen, Apps, Mail, Datenschutz. Apple schreibt selbst, dass Links und Anhänge wie PDFs nicht abgedeckt sind.
Gmail zeigt Bilder seit Dezember 2013 wieder automatisch an. Damals kündigte Google im Gmail-Blog an, alle Bilder künftig über eigene Proxy-Server auszuliefern, also über Zwischenserver, die das Bild für dich abholen. Der Absender sieht dann Googles Adresse statt deiner. Google schreibt in seiner Hilfe aber ehrlich dazu, dass Absender manchmal trotzdem erkennen können, ob du eine Mail mit Bild geöffnet hast. Der Abruf passiert ja weiterhin genau dann, wenn du die Mail öffnest. Ort und Cookies sind geschützt, die Öffnung selbst nicht.
Outlook und Thunderbird blockieren externe Bilder von Haus aus. Das ist der strengste Schutz, kostet aber Komfort, weil viele Newsletter ohne Bilder kaum lesbar sind. Beide bieten an, Bilder für einzelne Mails oder vertraute Absender freizugeben. Thunderbird gibt dabei einen klugen Hinweis: Absenderadressen lassen sich leicht fälschen. Eine Freigabe für eine Website, von der die Bilder kommen, ist robuster als eine für eine Mailadresse.
Was wirklich hilft
Die wirksamste Einstellung ist zugleich die älteste. Federrath empfiehlt im ZDF-Gespräch, das automatische Laden externer Inhalte abzuschalten, die Funktion heiße bei den meisten Programmen „Entfernte Inhalte laden“ oder ähnlich. Danach lädt dein Programm Bilder erst, wenn du es für eine Mail ausdrücklich erlaubst. So entscheidest du selbst, welchem Absender du die Rückmeldung gönnst.
In Gmail liegt die Option in den Einstellungen im Abschnitt „Bilder“ und heißt „Vor dem Anzeigen externer Bilder fragen“. In Apple Mail genügt es, „Mail-Aktivität schützen“ eingeschaltet zu lassen. Auf dem iPhone muss dafür zusätzlich „Tracking der IP-Adresse begrenzen“ aktiv sein, das sitzt in den WLAN-Einstellungen beim jeweiligen Netz. Bei Outlook und Thunderbird reicht es meist, die Voreinstellung nicht zu ändern.
Eine Lücke bleibt bei allen Programmen: die Links. Jeder Link in einem Newsletter kann eine persönliche Kennung tragen, und wer klickt, verrät sich in dem Moment selbst. Die Princeton-Studie fand in 11 Prozent der untersuchten Links Inhalte, die die Mailadresse an Dritte weitergaben. Gegen Klick-Tracking hilft kein Bildfilter. Wenn dich ein Angebot interessiert, kannst du die Seite auch direkt im Browser aufrufen, statt den Link aus der Mail zu nehmen.
Und die Rechtslage? In der EU brauchen Versender für solches Tracking in der Regel deine Einwilligung, und der Hamburger Datenschutzbeauftragte Thomas Fuchs sieht vor allem ein Transparenzproblem, weil kaum ein Newsletter deutlich sagt, dass gemessen wird. Auf eine bessere Kennzeichnung musst du nicht warten. Die Einstellung in deinem Mailprogramm wirkt heute.
Was bleibt
Ein Tracking-Pixel ist technisch banal. Ein Bild wird geladen, ein Server schreibt mit. Was es heikel macht, ist die Kombination aus Unsichtbarkeit und Menge: Fast jeder Newsletter enthält eins, und kaum ein Mailprogramm sagt dir, wann es sich meldet. Davidsons neun Öffnungen mit Ortsangabe waren 2019 ein Aufreger, weil sie sichtbar machten, was im Marketing längst Alltag war.
Der Schutz ist dafür erfreulich einfach. Externe Bilder nur auf Nachfrage laden, in Apple Mail den E-Mail-Datenschutz anlassen, bei Links aus Newslettern kurz überlegen. Damit bekommt der Absender von dir nur noch die Rückmeldungen, die du ihm geben willst.
Häufige Fragen
- Was ist ein Tracking-Pixel in einer E-Mail?
- Ein winziges Bild, meist ein einzelner Bildpunkt groß, das nicht in der Mail steckt, sondern auf dem Server des Absenders liegt. Öffnest du die Mail, lädt dein Mailprogramm das Bild nach. Der Server sieht diesen Abruf und weiß damit, dass genau deine Mail geöffnet wurde, denn die Adresse des Bildes enthält meist eine Kennung, die nur zu dir gehört.
- Was ist der Unterschied zwischen Lesebestätigung und Tracking-Pixel?
- Eine Lesebestätigung ist eine offene Bitte des Absenders. Dein Mailprogramm fragt dich in der Regel, ob du sie schicken willst, und du kannst ablehnen. Der Standard dafür empfiehlt ausdrücklich, ohne Zustimmung keine Bestätigung zu senden. Ein Tracking-Pixel fragt nicht. Es meldet sich beim Laden der Bilder von selbst, und die meisten Programme zeigen nicht an, dass es da ist.
- Kann ein Tracking-Pixel meinen Standort verraten?
- Ungefähr. Der Server des Absenders sieht beim Abruf deine IP-Adresse, und daraus lässt sich grob ableiten, in welcher Stadt oder Region du gerade bist. Die BBC berichtete 2021, dass das in manchen Fällen sogar bis auf die Straße genau sein kann. Nutzt dein Mailprogramm einen Zwischenserver, wie Gmail oder Apple Mail mit eingeschaltetem E-Mail-Datenschutz, sieht der Absender dessen Adresse statt deiner.
- Wie verhindere ich, dass Absender sehen, dass ich ihre Mail geöffnet habe?
- Am wirksamsten ist es, externe Bilder nicht automatisch laden zu lassen. Die Einstellung heißt je nach Programm etwas anders, etwa „Vor dem Anzeigen externer Bilder fragen“ bei Gmail oder „Entfernte Inhalte“ bei Thunderbird. In Apple Mail schützt die Funktion „Mail-Aktivität schützen“. Links in der Mail bleiben trotzdem ein Weg, dich zu erkennen, sobald du sie anklickst.
- Sind Tracking-Pixel gefährlich?
- Sie richten auf deinem Gerät keinen Schaden an, es ist ein gewöhnliches Bild. Das Problem sind die Informationen, die sie liefern. Werbetreibende bauen daraus Profile, und Spammer erfahren, dass deine Adresse echt ist und gelesen wird. Das macht dich für weitere Mails interessanter, auch für Phishing.