Werbe-ID: Was die Databroker Files über dein Handy verraten

Ein US-Händler verschenkte 3,6 Milliarden Standorte aus Deutschland als Kostprobe. Wie die Werbe-ID daraus Profile macht und was Löschen wirklich bringt.

Ein leeres Metall-Nummernschild ohne Zeichen lehnt an einem dunklen Smartphone, das mit dem Display nach unten auf altem dunklem Holz liegt, ein schmaler warmer Lichtstreifen fällt auf den Rand des Schilds
Alle Bilder in diesem Artikel sind KI-generierte Symbolbilder.

Die Datei, mit der diese Geschichte beginnt, hat nichts gekostet. Ein Team von netzpolitik.org und dem Bayerischen Rundfunk fragte auf einem Berliner Datenmarktplatz nach Standortdaten, und ein Händler aus den USA schickte eine Vorschau. Mehrere hundert Gigabyte, 3,6 Milliarden Punkte auf einer Deutschlandkarte, jeder mit Datum und Uhrzeit. Und an jedem Punkt hing eine Kennung: die Werbe-ID des Handys, von dem er stammte.

Auf der Karte war zuerst nur ein Meer aus Punkten zu sehen. Erst wenn man alle Punkte einer einzigen Werbe-ID herausfilterte, entstand ein Bild. Die Reporter beschrieben es so: Wie Perlenketten reihen sich die Punkte entlang der Wege, die eine Person zurücklegt, und wie Konfettihaufen sammeln sie sich dort, wo sie die meiste Zeit verbringt, zu Hause und bei der Arbeit.

Die Recherche erschien am 16. Juli 2024 unter dem Namen „Databroker Files“. Daraus ist eine Reihe von Veröffentlichungen über den Handel mit Handy-Standorten geworden, die bis heute weiterläuft. Dieser Text erzählt, was in dem Datensatz stand, wer darin zu finden war und woher solche Daten kommen. Am Ende steht, was du an deinem eigenen Handy ändern kannst und an welcher Stelle diese Schalter aufhören zu helfen.

Ein offener, unbeschrifteter Pappkarton wie ein Warenmuster auf einem dunklen Tisch, aus dem Hunderte winziger warmer Lichtpunkte über den Rand quellen und sich wie feiner Sand über das Holz verteilen
Eine Kostprobe soll Lust auf das Abo machen. Hier bestand sie aus 3,6 Milliarden Standorten.

Eine Kostprobe ohne Rückfrage

Die Händler auf solchen Marktplätzen arbeiten wie andere Großhändler auch. Wer sich für ein Angebot interessiert, bekommt oft zuerst eine Probe, um die Qualität zu prüfen. Manche bestehen vorher auf einem Videogespräch, um zu erfahren, was der Kunde vorhat. Die Datastream Group aus Florida verzichtete darauf. Den Kontakt hatte Datarade hergestellt, ein Marktplatz für Datensätze mit Sitz in Berlin, an den über den High-Tech-Gründerfonds auch Fördergeld der Bundesregierung geflossen war.

Datarade beschreibt sich selbst als reinen Vermittler. Zu einer ähnlichen Recherche in den Niederlanden schrieb das Unternehmen, es verkaufe selbst keine Datensätze und lasse auf der Plattform nur legale Inhalte zu. Auf die Anfragen von netzpolitik.org und BR antworteten weder Datarade noch Datastream. Datastream tritt inzwischen unter dem Namen Datasys auf.

Das eigentliche Geschäft ist der laufende Strom. Für gut 14.000 US-Dollar im Monat bot Datastream laut netzpolitik.org aktuelle Ortsdaten von 38 Millionen täglich aktiven Nutzern aus bis zu 163 Ländern an, stündlich erneuert. Die Probe stammte aus einem Zeitraum von rund zwei Monaten im Herbst 2023 und war bei der Übergabe nur wenige Monate alt.

Zur Größe gehört eine Einschränkung, die das Recherche-Team selbst macht. Im Datensatz stecken rund elf Millionen verschiedene Werbe-IDs. Weil aber immer wieder fast gleiche Bewegungsprofile unter fünf oder mehr IDs auftauchten, vermuten die Reporter, dass ein Teil der IDs verändert wurde, möglicherweise um den Datensatz größer wirken zu lassen. Die Zahl der betroffenen Handys dürfte also niedriger liegen. Ein Kollege aus dem Team fand seine eigene ID, allerdings nur mit ungenauen Standorten und mit einem Datum, an dem er gar nicht in der Stadt war. Andere Bewegungsprofile im selben Satz waren auf wenige Meter genau.

Wie aus einer Werbe-ID ein Mensch wird

Im Datensatz standen keine Namen und keine Telefonnummern. Das klingt nach Anonymität und war keine. Wer zwei Monate lang die Punkte einer ID betrachtet, sieht, wo das Handy nachts liegt und wo es tagsüber steht. Damit hat man eine Wohnadresse und einen Arbeitsort. In einigen Fällen genügte dem Team danach eine Google-Suche. Bei einem Einfamilienhaus ist es besonders leicht, und viele Menschen stehen im Telefonbuch oder nennen ihren Arbeitgeber auf LinkedIn. Um zu prüfen, ob die Daten echt sind, identifizierten die Reporter in Stichproben Betroffene. Einige davon fanden sie im eigenen Bekanntenkreis.

Eine dunkle ländliche Landschaft bei Nacht von hoch oben, übersät mit Tausenden winziger warmer Lichtpunkte, die sich an zwei Stellen zu hellen Haufen verdichten, dazwischen eine dünne Kette gleichmäßiger Punkte entlang einer Straße
Zwei helle Haufen und eine Kette dazwischen. Mehr braucht es oft nicht, um eine Adresse zu finden.

Dann suchte das Team gezielt nach Orten, an denen Menschen nicht gesehen werden wollen. Es fand Standortdaten auf dem Gelände von zehn Fachkliniken für Psychiatrie und Suchterkrankungen. Es fand Handys in Swingerclubs, in Rotlichtvierteln und in Gefängnissen, in einem Fall das Bewegungsprofil einer Person, die mehrere Tage durch Berlin zum Krankenhaus einer Justizvollzugsanstalt fuhr. Die Senatsverwaltung für Justiz bestätigte auf Nachfrage, es könne sich um jemanden handeln, der dort arbeitet.

Bei den Kliniken zog die Redaktion eine Grenze, die wir hier übernehmen. Sie hat die Menschen, deren Profile sie dort fand, bewusst nicht kontaktiert. Eine Anfrage hätte Patientinnen und Patienten retraumatisieren können, und sie wollte nicht versehentlich Angehörige erreichen, die vom Klinikaufenthalt nichts wussten. Deshalb nennen wir auch keine Einrichtungen.

Anna Wegscheider, Juristin bei der Organisation HateAid, nannte solche Bewegungsprofile gegenüber netzpolitik.org ein „massives Sicherheitsrisiko“ für Betroffene digitaler Gewalt. Stalker könnten damit Adressen herausfinden, jemanden auf dem Arbeitsweg abpassen oder Profile veröffentlichen, um einzuschüchtern. Wer Bordellbesuche oder Klinikaufenthalte in den Daten findet, hat außerdem ein Druckmittel.

Der Arbeitsweg nach Bad Aibling

Ein Profil aus dem Datensatz beginnt jeden Morgen an einem Wohnhaus irgendwo in Bayern. Die Person steigt ins Auto, fährt zur Arbeit und parkt auf dem Gelände der Mangfall-Kaserne in Bad Aibling, wo der Bundesnachrichtendienst eine Außenstelle betreibt. Dutzende Male konnten die Reporter diesen Arbeitsweg nachverfolgen.

Es blieb nicht bei diesem Fall. Am Fliegerhorst Büchel in Rheinland-Pfalz, wo nach übereinstimmenden Berichten US-Atomwaffen lagern, zählte das Team 38.474 Standortdaten von 189 Werbe-IDs. Weitere Bewegungsprofile fanden sich in der Kaserne des Kommandos Spezialkräfte in Calw und am Gemeinsamen Terrorismusabwehrzentrum in Berlin. Mit einigen Profilen ließen sich Angehörige von Sicherheitsbehörden mit hoher Wahrscheinlichkeit identifizieren.

Ein hoher Maschendrahtzaun mit Stacheldraht am Rand eines abgelegenen Übungsgeländes in der Dämmerung, darüber schwebt ein schwacher Schwarm winziger warmer Lichtpunkte im dunklen Himmel
Zäune halten Menschen auf. Die Signale ihrer Handys gehen einfach darüber.

Im November 2024 legten netzpolitik.org und BR zusammen mit dem US-Magazin WIRED nach. Auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr, dem größten des US-Militärs in Europa, enthielt der Datensatz mehr als 190.000 Standortsignale von 1.257 Geräten. Auf der Ramstein Air Base waren es mehr als 164.000 Datenpunkte von bis zu 1.275 Geräten. Insgesamt fanden sich an mindestens 13 besonders sensiblen Orten von Militär und Geheimdiensten Hunderttausende Signale.

Die Antworten der Behörden fielen auffallend ehrlich aus. Das Verteidigungsministerium schrieb: „Wir erachten es als sehr wahrscheinlich, dass jeder Bundeswehrangehörige, wie jeder Handynutzende, sowohl im privaten als auch im dienstlichen Umfeld dieser Gefährdung ausgesetzt ist.“ Martina Rosenberg, Präsidentin des Militärischen Abschirmdienstes, sagte im Oktober 2024 vor dem Parlamentarischen Kontrollgremium: „Wir können nur sensibilisieren.“ Verhindern lasse es sich in diesem Bereich nicht.

Dieser Satz ist für den Rest des Textes wichtig. Wenn selbst der Geheimdienst, der die Bundeswehr schützen soll, nur Warnungen verteilen kann, liegt der wirksamste Schalter bei jedem Einzelnen. Für Soldaten genauso wie für alle anderen.

Woher die Punkte kommen

Jedes iPhone und jedes Android-Handy mit Google-Diensten hat eine Werbe-ID. Apple nennt sie IDFA, Google schlicht Werbe-ID. Auf Android können Apps sie ab Werk abrufen. Auf dem iPhone bekommt eine App sie seit iOS 14.5 nur, wenn du ihrer Tracking-Anfrage zustimmst. Sie ist eine lange Zeichenfolge, die keinen Namen enthält, aber dein Gerät eindeutig von allen anderen unterscheidet. netzpolitik.org vergleicht sie mit einem Nummernschild, das dich durch die Welt der Apps begleitet. Ein Datenhändler sagte dem Team während der Recherche, die Werbe-ID sei wie ein Klarname.

Ihre Aufgabe ist es, Daten aus verschiedenen Apps zusammenzuführen. Ein Wanderweg aus der Outdoor-App, eine Vorliebe aus der Dating-App, eine Schwäche aus einem Psychotest: Jede Angabe für sich ist ein Splitter. Mit derselben ID daneben werden sie zu einem Profil. Und erst die ID machte aus 3,6 Milliarden losen Punkten Bewegungsprofile. Ohne sie wäre die Karte ein Meer geblieben. Auch Bonus-Apps wie die von Payback nennen die Werbe-ID unter ihren Kennungen, was sie sonst noch erfassen, steht in Lohnt sich Payback?.

Auf dem Weg von der App zum Händler gibt es zwei Hauptstraßen.

SDKs. Fast jede App enthält Code von Drittfirmen. Entwickler bauen fertige Software-Pakete von Drittfirmen ein, sogenannte SDKs, etwa für Zahlungen, Absturzberichte oder Werbung. Ein solches Paket läuft mit den Rechten der App. Hat die App die Erlaubnis, deinen GPS-Standort zu lesen, kann das Paket ihn mitschicken, zusammen mit der Werbe-ID. Im Angebot von Datastream war von GPS-Daten und von SDKs die Rede. Aus welchen Apps die 3,6 Milliarden Punkte genau kamen, beantwortete die Firma auch auf mehrfache Nachfrage nicht.

Real Time Bidding. Jedes Mal, wenn in einer App ein Werbeplatz frei wird, läuft in Millisekunden eine Auktion. Damit Bieter wissen, worauf sie bieten, schickt die App über eine Werbeplattform ein Paket mit Informationen hinaus, darunter die Werbe-ID und die IP-Adresse, teils auch genauere Standorte. Dieses Paket geht an Hunderte oder Tausende Firmen, auch an die, die am Ende nicht gewinnen. netzpolitik.org beschreibt es mit einem Marktschreier, der ruft: „Werbeplatz in Dating-App aus Leipzig zu vergeben!“ Wer die Rufe mitschreibt, hat ein Archiv.

Ein hölzerner Auktionshammer auf einem dunklen Pult, ringsum liegen Dutzende kleiner leerer Bieterkellen verstreut, schwaches warmes Licht von der Seite, tiefe Schatten
Bei jeder Werbeauktion bekommen alle Bieter das Infopaket, auch die, die verlieren.

Danach wird gebündelt und weiterverkauft. Händler kaufen bei Händlern, führen Quellen zusammen und benennen sich um. Am Ende der Kette weiß oft auch der Verkäufer nicht mehr genau, woher ein einzelner Punkt stammt. Rechtlich stützt sich das alles auf die Einwilligung, die du beim ersten Start einer App mit „Akzeptieren“ gegeben hast. Meist gab es keine echte Wahl: zustimmen oder die App nicht nutzen.

WegWas passiertWas mitgehtBeleg im Fall
SDK in der AppFremder Code in der App sammelt im Hintergrund mitGPS-Standort, Werbe-ID, GerätedatenDatastream-Angebot nennt GPS und SDKs, Herkunft der Apps offen
Real Time BiddingWerbeplatz-Auktion, alle Bieter bekommen ein InfopaketWerbe-ID, IP-Adresse, App, Gerät, teils GPSZweiter Datensatz mit 40.000 Apps stammt laut Recherche vermutlich größtenteils daher
WeiterverkaufHändler bündeln Quellen, benennen sich um, verkaufen weiteralles oben, zusammengeführtDatastream heißt heute Datasys, Datarade vermittelt

Ein halbes Jahr später: 40.000 Apps an einem Tag

Bis Anfang 2025 fehlte ein Glied: die Namen der Apps. Im Januar 2025 veröffentlichten netzpolitik.org und BR mit Medien aus mehreren Ländern einen zweiten Datensatz, wieder von Datastream. 380 Millionen Standortdaten aus 137 Ländern, alle von einem einzigen Tag im Juli 2024. Dieses Mal stand bei jedem Punkt, aus welcher App er kam. Rund 40.000 Apps tauchten auf.

An diesem einen Tag wurden darin rund 795.000 Handys in Deutschland geortet. Ganz vorne lagen zwei Wetter-Apps von Wetter Online. Allein „Wetter Online mit Regenradar“ für Android lief auf rund 34.875 dieser Handys, oft mit Koordinaten auf sechs Nachkommastellen, was eine Ortung auf den Meter verspricht. Genaue Daten gab es auch zu Focus Online, Kleinanzeigen und FlightRadar24. Andere bekannte Namen wie Tinder, Grindr oder Candy Crush standen ebenfalls in der Liste, ihre Nutzer waren aber offenbar nur über die IP-Adresse geortet, mit einer Unschärfe im Kilometerbereich. Der Unterschied ist wichtig, und er spielt am Ende dieses Textes noch einmal eine Rolle.

Am Fall Wetter Online lässt sich die Kette bis zur Behörde verfolgen. Die App hat nach eigenen Angaben mehr als 22 Millionen Nutzer, in der Datenschutzerklärung standen zeitweise mehr als 800 Werbepartner. Die Landesbeauftragte für Datenschutz in Nordrhein-Westfalen stattete dem Unternehmen einen unangekündigten Kontrollbesuch ab. Im April 2026 meldete netzpolitik.org, die Behörde habe ein Bußgeldverfahren eingeleitet. Der Vorwurf: Wetter Online habe über Jahre Standortdaten seiner Nutzer ohne wirksame Einwilligung erhoben und für Werbezwecke weiterverarbeitet. Laut Jahresbericht der Behörde ist die Praxis inzwischen abgestellt. Wann das Verfahren endet, war im April nicht absehbar. Wetter Online erklärte im Juni 2025, man habe niemals GPS-Daten „verkauft“. Wie die Daten der eigenen Nutzer in dem Datensatz landen konnten, erklärte das Unternehmen nicht.

Die Recherche geht weiter

Die Databroker Files sind kein abgeschlossener Fall. Das Team hält inzwischen nach eigenen Angaben mehr als 13 Milliarden Standortdaten verschiedener Händler, alle als kostenlose Vorschau erhalten. Ein paar Stationen:

DatumVeröffentlichungKernbefund
16.07.2024Start der Databroker Files3,6 Mrd. Standorte aus Deutschland, Kliniken, BND, Büchel
20.11.2024Mit WIRED: NATO und US-MilitärGrafenwöhr, Ramstein, mind. 13 sensible Standorte
15.01.2025Zweiter Datensatz40.000 Apps, 380 Mio. Standorte an einem Tag
07.04.2026Wetter OnlineBußgeldverfahren der Datenschutzbehörde NRW
02.06.2026Polizei als KundinLandeskriminalämter Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern bestätigen, Daten von kommerziellen Anbietern beschafft zu haben
06.10.2026GlaubensorteMehr als eine Million Standorte an Kirchen, Moscheen, Synagogen

Besonders der Befund vom Juni 2026 verschiebt die Debatte. Zwei Landeskriminalämter bestätigten nach Anfragen von netzpolitik.org und BR, dass sie Daten von kommerziellen Anbietern beschafft haben. Ob das LKA in Mecklenburg-Vorpommern die Daten selbst erworben oder einen Dienstleister genutzt hat, legte es nicht offen. In neun Bundesländern verweigerten die Behörden die Auskunft, nur fünf verneinten klar. Keine der angefragten Landesdatenschutzbehörden sah eine konkrete Rechtsgrundlage dafür. Der Staat, der vor dem Handel warnt, ist teilweise selbst Kunde.

Ähnlich gelagerte Fälle kennt man aus den USA. 2021 trat dort der Generalsekretär der katholischen Bischofskonferenz zurück, nachdem ein katholisches Medium Handydaten vorgelegt hatte, die auf die Nutzung der Dating-App Grindr hindeuteten. Woher diese angeblich anonymen Daten stammten, hat das Medium nie offengelegt. Das Muster ist dasselbe: Eine ID ohne Namen führt über Wohnort und Wege zu einem Menschen. Familien-Apps, die Standorte weitergeben, haben wir im Text über Standort teilen beschrieben.

Was die Politik daraus gemacht hat

Die Reaktionen kamen schnell. Konstantin von Notz (Grüne), damals Vorsitzender des Parlamentarischen Kontrollgremiums, sagte, es gehe um die Privatsphäre aller Menschen, die in der Bundesrepublik leben. Ramona Pop, Präsidentin des Verbraucherzentrale Bundesverbands, sagte, Verbraucher seien „der Werbeindustrie offenbar ausgeliefert“. Das Bundesverbraucherschutzministerium erklärte: „Die Übertragung von personenbezogenen Daten als Selbstzweck, also als reine Handelsware, ist aus unserer Sicht mit dem Datenschutzrecht nicht vereinbar.“

An der Rechtslage hat sich trotzdem wenig bewegt. Die Händler verweisen auf Einwilligungen in den Apps, die Datenschützer in vielen Fällen für unwirksam halten. Beim Vermittler Datarade sieht die Berliner Datenschutzbeauftragte keine Handhabe auf Grundlage der DSGVO, weil der Marktplatz selbst keine Daten verarbeitet, sondern nur Käufer und Verkäufer zusammenbringt. Händler in den USA sind für deutsche Behörden kaum zu erreichen. Ein Gesetz, das den Handel mit Standortdaten in Deutschland verbietet, gibt es nicht. Das Verfahren gegen Wetter Online zeigt, dass Behörden bei einzelnen Apps ansetzen können. Den Markt selbst erreicht das nicht.

Werbe-ID löschen: der Handgriff am eigenen Handy

Erst hier kommt der praktische Teil, und er ist kürzer als die Geschichte davor. Die Werbe-ID ist die Klammer, die aus Punkten Profile macht. Diese Klammer kannst du entfernen. Android-Handys kommen auch 2026 mit aktiver Werbe-ID, hier musst du also selbst handeln. Auf dem iPhone ist die IDFA seit iOS 14.5 nur zugänglich, wenn du einer App das Tracking erlaubst. Sie ist dort also nur ein Tippen auf „Erlauben“ entfernt.

Ein einzelner alter Kippschalter aus Messing auf einer dunklen Holzplatte, der Hebel ist nach unten umgelegt, ein kleiner warmer Lichtpunkt fällt auf den Hebel, der Rest der Platte verschwindet im Dunkel
Ein Schalter, eine Minute. Er nimmt den Händlern die einfachste Klammer.

iPhone. Öffne Einstellungen, dann Datenschutz & Sicherheit, dann Tracking. Schalte „Apps erlauben, Tracking anzufordern“ aus. Laut Apple bekommt danach keine App mehr Zugriff auf die IDFA. Wer bei einer Anfrage „App-Tracking ablehnen“ wählt, verweigert ebenfalls die IDFA, und die App darf dich dann laut Apple auch nicht über andere Kennungen wie deine E-Mail-Adresse verfolgen. Bei Kinderkonten, verwalteten Geräten und in den ersten drei Tagen nach dem Anlegen eines Apple-Accounts ist der Schalter gesperrt.

Android. Öffne Einstellungen, dann Datenschutz, dann Werbung, und tippe auf „Werbe-ID löschen“. Je nach Hersteller liegt der Punkt woanders, etwa unter Einstellungen, Google, Alle Dienste, Werbung. Nach dem Löschen bekommen Apps laut Google statt der ID nur noch eine Folge von Nullen. Das gilt seit April 2022 auf allen Geräten mit Google Play. „Werbe-ID zurücksetzen“ ist etwas anderes: Damit bekommst du eine neue ID, die Spur zum alten Profil reißt ab, aber ab sofort entsteht ein neues.

Standortrechte pro App. Der zweite Handgriff ist mindestens so wichtig. Auf dem iPhone siehst du unter Einstellungen, Datenschutz & Sicherheit, Ortungsdienste jede App, die deinen Standort nutzen darf. Bei Android findest du die Rechte über App-Info, Berechtigungen, Standort. Geh die Liste durch. Eine Navigations-App braucht den Standort, eine Wetter-App kommt mit einem eingegebenen Ort aus, ein Spiel braucht ihn gar nicht. Wo eine App den Standort wirklich braucht, reicht meist „Beim Verwenden der App“. Den genauen Standort schaltest du für alle Apps ab, die keinen Meter-genauen Ort brauchen: auf dem iPhone mit dem Schalter „Genauer Standort“, bei Android mit „Genauen Standort verwenden“. Android gibt der App dann laut Google nur ein Gebiet von etwa drei Quadratkilometern.

Was der Schalter nicht kann

Die beiden Handgriffe nehmen den Händlern das einfachste Werkzeug weg. Sie machen dich nicht unsichtbar, und das gehört ehrlich dazu.

Erstens bleibt die IP-Adresse. Der zweite Datensatz zeigte, dass viele Apps ihre Nutzer nur über die IP-Adresse geortet hatten, auf Stadt- oder Regionsebene. Für diese Ortung braucht es weder eine Werbe-ID noch ein Standortrecht. Im Datensatz stand die Werbe-ID trotzdem mit dabei. Wie genau das ist, erklären wir im Text über IP-Adresse orten. Ein VPN verschiebt diesen groben Standort zum Server des Anbieters, gegen GPS aus einer App hilft es nicht. Mehr dazu in VPN: was es wirklich kann.

Zweitens kann eine App mit GPS-Recht und einem eingebauten SDK deinen Standort weiter erfassen. Apples Tracking-Verbot ist eine Regel, an die sich Entwickler halten müssen, keine technische Sperre gegen jede andere Kennung. Deshalb ist das Aufräumen bei den Standortrechten der wirksamere Teil.

Drittens holt kein Schalter zurück, was schon verkauft ist. Was einmal in Datensätzen liegt, bleibt dort. Du kannst bei Apps, die deinen Standort nutzen dürfen, nach Artikel 15 DSGVO Auskunft verlangen, was sie gespeichert und an wen sie es weitergegeben haben. netzpolitik.org hat das bei Wetter Online selbst getan. Die Daten kamen erst nach mehr als einem Jahr und einer Beschwerde bei der Datenschutzbehörde, und sie ließen Fragen offen. Wie eine solche Anfrage aufgebaut ist, steht in unserem Artikel zur Personensuche nach dir selbst.

Viertens kannst du nicht mehr selbst nachsehen, ob deine ID im ersten Datensatz steckte. Der Databroker Checker, mit dem netzpolitik.org gehashte IDs abglich, ist seit dem 8. Juli 2026 offline. Ein anderes Werkzeug dafür, das wir für vertrauenswürdig halten, kennen wir nicht. Seiten, die dir gegen Geld oder eine Eingabe deiner ID das Gegenteil versprechen, solltest du meiden.

Auch Fernseher haben eine Werbe-ID und erkennen oft zusätzlich selbst, was auf dem Bildschirm läuft, dazu mehr in Smart-TV und Datenschutz.

SchalterWirkt gegenWirkt nicht gegen
iPhone: Tracking-Anfragen ausZugriff auf die IDFA, Tracking nach Apples RegelnIP-Ortung, Standorterfassung durch Apps mit Ortungsrecht
Android: Werbe-ID löschenWerbe-ID (Apps sehen nur Nullen)IP-Ortung, andere Kennungen, Erfassung durch Apps mit Standortrecht
Werbe-ID zurücksetzenVerknüpfung mit dem alten ProfilAufbau eines neuen Profils
Standortrecht „Nie“ oder ungenauGPS-genaue Ortung durch die AppIP-Ortung im Kilometerbereich
VPNOrtung über deine echte IP-AdresseGPS, das eine App mit Erlaubnis liest
Auskunft nach Art. 15 DSGVOUnwissen, was eine App gespeichert hatDaten, die bereits bei Händlern im Ausland liegen

Was Google zusätzlich in deinem eigenen Konto über dich speichert, ist ein eigenes Thema. Das steht in was Google über dich weiß.

Warum sich passende Werbung trotzdem oft nach einem lauschenden Mikrofon anfühlt, klären wir im Mythos-Check Hört mein Handy mit?.

Was bleibt

Die Werbe-ID wurde erfunden, damit Werbung zum richtigen Handy findet. Die Databroker Files haben gezeigt, was dieselbe Kennung in den falschen Händen leistet: Sie macht aus einem Datensatz ohne Namen einen Stadtplan von Menschenleben, und dieser Stadtplan wurde als Gratisprobe verschickt. Der Geheimdienst der Bundeswehr kann seine Soldaten davor nur warnen.

Du hast etwas mehr in der Hand. Die Werbe-ID zu löschen dauert eine Minute, die Standortrechte durchzusehen vielleicht zehn. Danach landet dein Handy nicht mehr mit einer festen Kennung auf der Karte, und die meisten Apps wissen nur noch, in welcher Gegend du bist. Das Nummernschild kam ab Werk. Abschrauben musst du es selbst.

Quellen: netzpolitik.org, Firma verschleudert 3,6 Milliarden Standorte von Menschen in Deutschland, 16.07.2024 · netzpolitik.org, Wie Datenhändler Deutschlands Sicherheit gefährden, 16.07.2024 · netzpolitik.org, Werbe-IDs damals und heute, 03.09.2024 · netzpolitik.org, Wie Datenhändler NATO und US-Militär bloßstellen, 20.11.2024 · netzpolitik.org, Neuer Datensatz enthüllt 40.000 Apps hinter Standort-Tracking, 15.01.2025 · netzpolitik.org, Wegen Handy-Standortdaten: Wetter Online droht Bußgeld, 07.04.2026 · netzpolitik.org, Deutsche Polizei nutzt offenbar rechtswidrig Databroker, 02.06.2026 · netzpolitik.org, Kirchen, Moscheen, Synagogen: Datenhändler gefährden Gläubige in Deutschland, 06.10.2026 · netzpolitik.org, US-Senator schaltet Pentagon ein, Bundesministerium fordert EU-Gesetze, 19.07.2024 · netzpolitik.org, Wetter Online lässt Daten tröpfeln, 20.06.2025 · netzpolitik.org, Jetzt testen: Wurde mein Handy-Standort verkauft? (mit Hinweis zur Abschaltung am 08.07.2026) · netzpolitik.org, Dossier Databroker Files · BBC News, Senior US Catholic resigns over Grindr allegations (englisch), 21.07.2021 · Apple Support, Wenn eine App deine Aktivitäten verfolgen möchte · Google Play Console-Hilfe, Werbe-ID · Android-Hilfe, Berechtigungen zur Standortermittlung für Apps verwalten

Häufige Fragen

Was ist die Werbe-ID?
Eine zufällige Kennung, die Apple und Google jedem Smartphone ab Werk zuteilen, damit die Werbebranche einzelne Geräte auseinanderhalten kann. Auf dem iPhone heißt sie IDFA und ist seit iOS 14.5 für eine App nur zugänglich, wenn du ihrem Tracking zustimmst. Auf Android heißt sie einfach Werbe-ID und ist ab Werk aktiv. Sie enthält keinen Namen. Weil aber viele Apps sie zusammen mit Standort und anderen Angaben an Werbepartner schicken, lassen sich darüber Daten aus verschiedenen Apps zu einem Profil bündeln.
Soll ich die Werbe-ID löschen oder nur zurücksetzen?
Löschen ist die stärkere Wahl. Auf Android ersetzt das System die ID danach durch eine Folge von Nullen, Apps bekommen also keine brauchbare Kennung mehr. Zurücksetzen erzeugt nur eine neue ID: Die Verbindung zum alten Profil reißt ab, ab sofort entsteht aber ein neues. Auf dem iPhone entspricht dem Löschen der Schalter „Apps erlauben, Tracking anzufordern“, wenn du ihn ausschaltest.
Was waren die Databroker Files?
Eine Recherche von netzpolitik.org und dem Bayerischen Rundfunk, erstmals veröffentlicht am 16. Juli 2024. Grundlage war ein Datensatz mit 3,6 Milliarden Standortdaten aus Deutschland, den ein US-Datenhändler als kostenlose Kostprobe herausgegeben hatte. Jeder Punkt hing an einer Werbe-ID. Daraus ließen sich Bewegungsprofile bilden und teils einzelne Menschen identifizieren. Die Recherche läuft seitdem weiter.
Bekommen Apps meinen Standort auch ohne Werbe-ID?
Ja. Grob über die IP-Adresse, mit der dein Handy ins Netz geht, meist auf eine Stadt oder Region genau. Genau über GPS, wenn du der App die Standortberechtigung gegeben hast. Die Werbe-ID ist die Klammer, die viele Punkte einem Gerät zuordnet. Ohne sie wird das Zusammenführen schwerer, unmöglich wird es nicht.
Kann ich prüfen, ob mein Standort verkauft wurde?
Für den ersten Datensatz gab es dafür den Databroker Checker von netzpolitik.org. Die Redaktion hat ihn am 8. Juli 2026 offline genommen. Ein anderes Prüfwerkzeug, das wir für verlässlich halten, kennen wir nicht. Was bleibt, ist die Auskunft nach Artikel 15 DSGVO bei den Apps, die deinen Standort nutzen dürfen. Sie zeigt allerdings nur, was die App selbst speichert und an wen sie weitergibt.
Ist der Handel mit Standortdaten in Deutschland erlaubt?
Die Händler berufen sich auf Einwilligungen, die Nutzer in Apps erteilt haben. Datenschutzbehörden halten solche Einwilligungen häufig für unwirksam, und das Bundesverbraucherschutzministerium hält den Handel mit personenbezogenen Daten als reine Ware für unvereinbar mit dem Datenschutzrecht. Gegen Händler in den USA lässt sich das aber schwer durchsetzen. Ein eigenes Gesetz, das den Handel verbietet, gibt es in Deutschland nicht. Das hier ist keine Rechtsberatung.
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