Sharenting: Was Kinderfotos im Internet über dein Kind verraten

Sharenting heißt, Kinderfotos im Internet zu teilen. Welche Gefahren darin stecken, was KI verändert hat und wie du Familienmomente teilst, ohne dein Kind auszustellen.

Ein Paar kleine Stoffturnschuhe steht auf einer Fensterbank aus Holz im warmen Licht, das durch das Fenster fällt, daneben liegt ein Smartphone mit leuchtendem, unscharfem Bildschirm, der Raum dahinter liegt in dunklem Blau
Alle Bilder in diesem Artikel sind KI-generierte Symbolbilder.

Der erste Schultag. Die Schultüte ist fast so groß wie das Kind, der Ranzen neu, das Lächeln ein bisschen schief vor Aufregung. Das Foto vor dem Schultor geht in den WhatsApp-Status, und ein paar Hundert Kontakte sehen es: die Oma, die Nachbarin, aber auch der Fliesenleger von vor fünf Jahren, eine Ex-Kollegin und drei Eltern aus der Kita, deren Nachnamen man nicht kennt. Fast jede Familie macht das so. Niemand denkt dabei an etwas Schlimmes.

Für dieses Teilen gibt es ein eigenes Wort: Sharenting. Dieser Text erklärt, warum Kinderfotos im Internet mehr sind als ein schöner Moment, warum Polizei und Kinderschutzstellen ihren Ton in den letzten Jahren deutlich verschärft haben und was du konkret tun kannst. Ohne Vorwurf, denn Eltern, die Fotos teilen, lieben ihre Kinder. Es geht um die Frage, wer diese Fotos in zehn Jahren noch sieht, und wer darüber entscheidet.

Was ist Sharenting?

Sharenting setzt sich aus den englischen Wörtern share (teilen) und parenting (Elternschaft) zusammen. Gemeint sind Fotos, Videos und kleine Geschichten über die eigenen Kinder, die Eltern im Netz teilen. Das kann ein öffentliches Instagram-Profil sein, ein Facebook-Album, ein Status bei WhatsApp oder eine Familiengruppe mit vierzig Mitgliedern.

Das Wort wertet nicht. Hinter fast jedem Kinderfoto steckt Stolz, Freude oder der Wunsch, die Großeltern in einer anderen Stadt teilhaben zu lassen. Der Haken liegt woanders: Das Kind kann nicht mitentscheiden. Mit drei Jahren versteht es nicht, was ein Status ist. Mit vierzehn hat es vielleicht eine sehr klare Meinung dazu, dass sein Töpfchen-Foto von damals noch irgendwo liegt.

Das Deutsche Kinderhilfswerk fasst die eigene Haltung dazu so zusammen: Darf man keine Kinderfotos mehr veröffentlichen? Nein, aber es kommt auf das Wie an. Die Polizei und das Bundeskriminalamt formulieren strenger. Das BKA hat seine Kampagne zum Thema schlicht „Kinderbilder gehören nicht ins Netz“ genannt. Beide Haltungen haben gute Gründe, und dieser Text stellt sie nebeneinander, statt dir eine davon vorzuschreiben.

Ein bekanntes Beispiel dafür, wie das Thema in die Öffentlichkeit kam, ist ein Werbespot der Deutschen Telekom von 2023 mit dem Titel „A Message from Ella“. Darin spricht eine künstlich gealterte, erwachsene Ella zu ihren Eltern und bittet sie, nachzudenken, bevor sie Bilder von ihr teilen. Gespielt wurde das Kind von einer jungen Schauspielerin, die erwachsene Fassung entstand mit KI. Der Spot wirkt so gut, weil er die Perspektive umdreht: Er lässt das Kind sprechen, das später mit diesen Bildern leben muss.

Eine große, nachtblaue Schultüte mit orangefarbenem Band und Seidenpapier liegt allein auf einem Holzboden vor einer dunklen Wand, ein warmer Lichtstrahl fällt von oben rechts darauf
Die Schultüte ist das typische Motiv des ersten Schultags. Auf vielen Fotos steht daneben auch der Name der Schule.

Kinderfotos im Internet: das Profil, das mitwächst

Ein einzelnes Foto verrät wenig. Spannend wird es, wenn man viele Fotos nebeneinanderlegt, und genau das passiert über die Jahre ganz von allein. Ein Profil mit Kinderfotos ist wie ein Tagebuch, das jemand anderes für das Kind führt, nur dass es offen auf dem Küchentisch liegt.

Aus einem öffentlichen Profil lässt sich oft eine erstaunlich genaue Biografie zusammensetzen: der Vorname aus einem Kommentar der Tante, das Geburtsdatum aus dem jährlichen Geburtstagspost, die Grundschule aus dem Schild hinter der Schultüte, der Sportverein aus dem Trikot, das Wohnviertel aus dem Spielplatz, der jedes Wochenende im Hintergrund auftaucht. Wann das Kind wo ist, verraten Sätze wie „Jeden Dienstag Schwimmkurs, endlich das Seepferdchen!“.

Die britische Bank Barclays hat schon 2018 davor gewarnt, dass solche Angaben Jahre später bei Identitätsbetrug helfen können. Die Liste, die sie damals nannte, liest sich wie ein Fragebogen beim Kontoeröffnen: Name, Alter und Geburtsdatum, Wohnort, Geburtsort, Schule, der Name des Haustiers. Ein Teil davon dient bis heute als Sicherheitsfrage. Wer mit achtzehn sein erstes Konto eröffnet, hat dann womöglich schon eine öffentliche Akte, die andere für ihn geschrieben haben.

Was im Bild oder im Text stecktWas man daraus ablesen kannEinfache Abhilfe
Schild am Schultor, Logo auf dem Ranzenwelche Schule, also grob der WohnortFoto zu Hause machen oder Schild aus dem Bild lassen
Trikot mit Vereinsnamewo das Kind regelmäßig trainiertTrikot von hinten oder ohne Aufdruck zeigen
Hausnummer, Straßenschild, Blick aus dem Fensterwo die Familie wohntHintergrund prüfen, neutrale Ecke wählen
Bildunterschrift mit Name und Alterwer das Kind ist und wann es Geburtstag hatSpitznamen oder gar keinen Namen nennen
Standort in den Fotodatender Ort, an dem das Bild entstand, wenn die Originaldatei weitergegeben wirdStandort für die Kamera ausschalten
feste Wochentage und Uhrzeitenwann das Kind wo isterst hinterher posten, keine Routinen erwähnen

Den Standort in den Fotodaten übersehen viele. Smartphones speichern den Aufnahmeort in jedem Foto mit, sobald die Kamera ihn darf. Die großen sozialen Netzwerke entfernen ihn in der Regel, wenn du ein normales Foto hochlädst. Drin bleiben kann er, wenn du ein Bild als Datei bzw. „als Dokument“ verschickst, per E-Mail, per Cloud-Link oder auf eine eigene Website oder Vereinsseite hochlädst. Wie du das abschaltest und alte Bilder bereinigst, steht in unserem Artikel über Metadaten in Dateien. Welche Alltagsdetails sich zu einem Gesamtbild fügen, zeigt der Beitrag zu OPSEC im Alltag, dort steht der Schulweg der Kinder nicht zufällig in der Tabelle der heiklen Informationen.

Dazu kommt das Gesicht. Ein Kind verändert sich schnell, aber nicht vollständig. Wer Fotos aus zehn Jahren nebeneinander sieht, erkennt die Jugendliche auf dem Abschlussfoto als das Kleinkind von damals wieder. Was heute süß ist, kann in der siebten Klasse auf dem Handy eines Mitschülers landen. Dafür braucht es keinen Fremden, ein neugieriger Mitschüler und ein öffentliches Profil der Mutter reichen.

Ein Smartphone liegt auf einem Holztisch, auf dem Bildschirm ist ein stark verpixeltes, unkenntliches Foto zu sehen, warmes Licht fällt von der Seite auf das Glas
Was auf dem eigenen Bildschirm privat aussieht, ist auf anderen Geräten nur eine Kopie unter vielen.

Warum Polizei und Kinderschutz heute deutlicher warnen

Lange lautete der Rat: Keine Fotos in Badesachen, keine peinlichen Situationen, dann passt das schon. Diese Regel stimmt weiterhin, sie reicht aber nicht mehr. Der Grund sind frei verfügbare KI-Bildprogramme. Mit ihnen lassen sich aus ganz gewöhnlichen Fotos Bilder erzeugen, die das Kind in einem Zusammenhang zeigen, in dem es nie war. Wie das technisch funktioniert, spielt für Eltern keine Rolle. Wichtig ist nur, dass es passiert und dass Behörden es belegen.

Die Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes schreibt im Juni 2026, Täter durchsuchten soziale Netzwerke gezielt nach harmlosen Kinderfotos und stellten sie in einen sexualisierten Zusammenhang, mit KI entstünden aus einem einzigen Bild Deepfakes. Ihr Fazit ist unbequem eindeutig: Vermeiden lasse sich ein Missbrauch der Bilder nur, wenn man sie gar nicht erst postet.

jugendschutz.net, das gemeinsame Kompetenzzentrum von Bund, Ländern und Landesmedienanstalten für den Schutz von Kindern und Jugendlichen im Internet, hat im Mai 2026 seinen Jahresbericht vorgestellt. Im zweiten Jahr in Folge bearbeitete die Stelle mehr als 15.000 Fälle von Missbrauchsdarstellungen von Kindern. KI-Anwendungen seien „frei verfügbar“ und ließen sich „kinderleicht“ missbrauchen, heißt es dort.

In Großbritannien zählt die Internet Watch Foundation, eine Meldestelle, die weltweit nach solchem Material sucht, die Fälle genauer. Für 2025 meldete sie 8.029 KI-erzeugte, realistische Bilder und Videos, 14 Prozent mehr als im Jahr davor. Bis Anfang Oktober 2026 hatte sie bereits 6.310 KI-Bilder bewertet, die als Missbrauchsdarstellung gelten, das sind 40 Prozent mehr als im ganzen Vorjahr. Die meisten zeigen Mädchen, die meisten abgebildeten Kinder sind zwischen sieben und dreizehn Jahre alt. Beim britischen Hilfsangebot Report Remove gingen bis Oktober 2026 schon 420 Meldungen von Kindern und Jugendlichen ein, die glaubten, ein Bild von ihnen sei gefälscht worden, mehr als im ganzen Jahr 2025.

Im Juli 2026 haben die britische National Crime Agency und die Internet Watch Foundation deshalb einen eigenen Leitfaden für Eltern herausgegeben. Eine Mitarbeiterin der NCA sagte dazu der Zeitung The Guardian sinngemäß: Kein normaler Elternteil postet ein Kinderfoto mit dem Gedanken, dass es abgegriffen und zu Missbrauchsmaterial verarbeitet werden könnte. Der Ton des Leitfadens ist trotzdem ruhig. Viele der Schritte, steht darin, machen Eltern vermutlich schon.

Auch Schulen sind betroffen. Im Mai 2026 berichtete die Internet Watch Foundation von einer britischen weiterführenden Schule, deren Fotos von der eigenen Website oder aus den sozialen Medien mit KI verfälscht und der Schule zusammen mit einer Geldforderung zugeschickt wurden. Eine Arbeitsgruppe aus Kinderschutzorganisationen, Behörden und Polizei betonte, das sei noch kein Massenphänomen, es sei aber „nur eine Frage der Zeit“, bis weitere Schulen betroffen sind.

Kinderfotos im WhatsApp-Status und in „privaten“ Gruppen

Viele Eltern posten bewusst nicht mehr öffentlich und weichen auf WhatsApp aus. Das ist ein vernünftiger Schritt, er fühlt sich aber privater an, als er ist.

Den Status sehen in der Standardeinstellung alle deine Kontakte. Wer sein Adressbuch nie aufräumt, hat dort schnell 300 Einträge: die Hausverwaltung, den Babysitter von 2021, die Kollegin aus dem alten Job, den Verkäufer vom Gebrauchtwagen. Jeder davon sieht das Einschulungsfoto genauso wie die Oma. In den Datenschutz-Einstellungen für den Status lässt sich das ändern. Du kannst einzelne Kontakte ausschließen oder, besser für Kinderfotos, nur eine kleine, ausgewählte Liste zulassen.

Dass ein Status nach 24 Stunden verschwindet, schützt weniger als gedacht. Ein Screenshot dauert eine Sekunde, und in der Regel erfährst du nicht, wer einen gemacht hat. Bei Familiengruppen ist es ähnlich: Wer in der Gruppe ist, kann jedes Bild speichern, weiterleiten oder in eine andere Gruppe schicken, in der du selbst nicht bist. Das BKA weist ausdrücklich darauf hin, dass Fotos auch aus privat gestellten Profilen und aus Privatnachrichten über Verwandte, Freunde oder Bekannte bei Menschen landen können, für die sie nie gedacht waren. Meist passiert das ohne böse Absicht. Die Tante leitet das Bild an ihre Freundin weiter, weil es so niedlich ist, und die Freundin an ihre Tochter.

Für Instagram und Facebook gilt dasselbe Prinzip. Ein privates Konto und eine Liste mit engen Freunden verkleinern den Kreis, und das ist viel wert. Die Weitergabe verhindern sie nicht. Eine ehrliche Faustregel lautet deshalb: Privat senkt die Reichweite, es macht ein Bild aber nicht unkopierbar.

Ein Sonderfall ist das Profilbild. Es ist das am längsten und am breitesten sichtbare Bild, je nach Einstellung auch für Menschen, die nur deine Nummer haben. Ein Kinderfoto ist dort am schlechtesten aufgehoben.

Kita, Schule, Verein: Fotos, die andere machen

Nicht jedes Kinderfoto im Netz stammt von den Eltern. Kitas machen Portfolio-Fotos, Schulen zeigen das Sommerfest auf ihrer Website, der Fußballverein postet das Mannschaftsfoto nach dem Turnier. Meist hat man dafür irgendwann ein Formular unterschrieben, oft am ersten Tag zwischen Allergie-Abfrage und Notfallnummer.

Die Arbeitsgruppe, die im Fall der britischen Schule gewarnt hat, empfiehlt Schulen inzwischen recht konkrete Dinge: keine frontalen Gesichtsbilder mehr, stattdessen Aufnahmen aus der Distanz, von hinten oder unscharf, keine Namen neben den Fotos, regelmäßige Durchsicht der alten Bilder und eine neue Abfrage bei den Eltern. Auch der NCA-Leitfaden rät Eltern, alte Foto-Zustimmungen mit Schulen und Vereinen noch einmal anzusehen, weil viele davon womöglich unterschrieben wurden, bevor KI-Bildbearbeitung für jeden zu haben war.

Für dich als Elternteil heißt das: Frag nach. Wo landen die Fotos, auf der Website, auf Instagram, in einer internen App? Werden Namen genannt? Wie lange bleiben die Bilder online? Die meisten Einrichtungen reagieren auf solche Fragen offen, viele sind froh, wenn Eltern das Thema ansprechen. Und du kannst deine Zustimmung jederzeit überdenken und das der Einrichtung mitteilen.

Ein aufgeschlagenes, altes Fotoalbum liegt auf einem dunklen Holztisch, die Seiten sind leer bis auf kleine goldene Fotoecken, eine Schreibtischlampe wirft warmes Licht darauf
Früher blieb ein Familienalbum im Regal. Was heute geteilt wird, liegt auf vielen Geräten gleichzeitig.

So teilst du Familienmomente, ohne dein Kind auszustellen

Kein Foto mehr zu machen ist keine Lösung, und niemand verlangt das. Die Frage ist, wie viele Menschen ein Bild sehen und was es über das Kind verrät. Vier Fragen vor dem Teilen helfen mehr als jede App:

  1. Würde mein Kind dieses Bild mit sechzehn noch in Ordnung finden?
  2. Wer sieht es wirklich, und wer könnte es weitergeben?
  3. Verrät der Hintergrund etwas, das ich nicht teilen will, etwa Schule, Straße oder Verein?
  4. Muss das Gesicht überhaupt zu sehen sein?

Oft reicht schon ein anderer Blickwinkel. Ein Kind von hinten am Strand, zwei kleine Gummistiefel in der Pfütze, eine Hand mit Buntstift über dem Bild, das es gerade malt: Solche Fotos erzählen den Moment und zeigen trotzdem nicht, wer das Kind ist. Ein deckender Sticker über dem Gesicht ist eine weitere Möglichkeit, wenn du das bearbeitete Bild als neue Datei speicherst und genau diese teilst. Das Original liegt weiterhin auf deinem Handy und meist in der Cloud.

Am besten aufgehoben sind Kinderfotos dort, wo du den Kreis kennst. Ein Bild direkt an die Oma statt in den Status, ein geteiltes Familienalbum mit fünf eingeladenen Menschen statt einer Gruppe mit vierzig. Das klingt nach wenig, senkt die Zahl der Kopien aber um ein Vielfaches.

MotivÖffentlichKleiner, bekannter KreisLieber gar nicht
Badesachen, Baden, halb angezogen✓
Gesicht frontal mit Name oder Schule✓
peinliche Momente, Weinen, Trotzanfall, Krankheit✓
Gesicht gut erkennbar, ohne weitere Angaben✓
Kind von hinten, unterwegs, ohne Ortsbezug✓
Basteleien, Kinderzeichnung, Schuhe, Spielzeug ohne Kind✓✓

Die Tabelle ist eine Entscheidungshilfe. Wer sich an die Empfehlung von Polizei und BKA hält und gar keine Kinderfotos öffentlich zeigt, ist auf der sicheren Seite. Wer im kleinen Kreis teilt, sollte zumindest die erste Zeile ernst nehmen.

Ein Punkt wird oft vergessen: die anderen. Großeltern, Patentante, Babysitter und Tagesmutter haben genauso ein Handy wie du. Die Polizei rät, mit ihnen offen darüber zu sprechen. Das geht freundlich und ohne Misstrauen, etwa so: „Wir haben beschlossen, keine Fotos von Mia mehr öffentlich zu posten, auch nicht im Status. Schickt euch die Bilder gern direkt, aber bitte nicht weiterleiten. Danke, dass ihr da mitmacht!“ Die meisten Verwandten halten sich daran, wenn sie den Grund kennen.

Und dann das Kind selbst. Sobald es versteht, was ein Foto im Handy bedeutet, kannst du fragen, ob es das Bild teilen darf. Ein Nein ernst zu nehmen ist die beste Medienerziehung, die es gibt. Kinder lernen daran, dass ihr Bild ihnen gehört, und genau diese Haltung brauchen sie später, wenn sie selbst Fotos von Freunden machen.

Was schon online ist: in Ruhe aufräumen

Die meisten Eltern lesen so einen Text mit einem flauen Gefühl, weil längst Bilder online sind. Das ist normal, und es lässt sich viel davon einfangen. Der NCA-Leitfaden nennt das ein Audit: einmal alle eigenen Konten durchgehen.

Fang bei den öffentlichen Profilen an. Alte Alben auf Facebook, ein Instagram-Konto aus der Babyzeit, ein Blog, den du vor Jahren aufgegeben hast. Stell das Konto auf privat oder lösch die Beiträge mit Kinderfotos. Danach kommen die Plattformen, auf denen du Fotos mit Freunden teilst, und die Familiengruppen. Bitte Verwandte, ihre eigenen Beiträge mit deinem Kind zu löschen oder einzuschränken. Wer den Grund ohne Vorwurf erklärt, stößt meist auf Verständnis.

Um zu sehen, wo ein bestimmtes Foto deines Kindes sonst noch auftaucht, hilft eine Bilder-Rückwärtssuche mit deinem eigenen Bild. Wie das geht und wo ihre Grenzen liegen, erklärt unser Artikel zur Bilder-Rückwärtssuche. Mehr Hinweise zum Aufräumen der eigenen Spuren findest du unter Daten wirklich löschen.

Eine ehrliche Grenze gehört dazu. Löschen entfernt deinen Beitrag, es holt aber keine Kopien zurück. Wer das Bild gespeichert, per Screenshot festgehalten oder weitergeleitet hat, besitzt es weiterhin. Handys sichern empfangene Bilder oft automatisch in eine Cloud, Suchmaschinen und Archive zeigen manchmal noch eine Zeit lang ältere Fassungen. Deshalb ist Aufräumen gut, und vorher entscheiden ist besser.

Eine Kreidezeichnung von Sonne und Wolkenspiralen auf nassem Asphalt, daneben eine Regenpfütze, in der sich das warme Licht eines Fensters spiegelt, kein Mensch im Bild
Manche Spuren verschwinden mit dem nächsten Regen. Digitale Kopien bleiben liegen, wo sie gespeichert wurden.

Wenn ein Foto deines Kindes missbraucht wurde

Hoffentlich brauchst du diesen Abschnitt nie. Wenn doch, hilft es, ein paar Dinge vorher zu wissen, denn im ersten Schreck macht man leicht Fehler.

  • Nichts herunterladen, weiterleiten oder „als Beweis“ verschicken. Auch nicht an Freunde, an die Schule oder an dich selbst. Notiere stattdessen, wo du das Bild gesehen hast, mit Adresse, Datum und Uhrzeit, und frag bei der Polizei oder einer Meldestelle nach, was sie zur Sicherung brauchen.
  • Polizei einschalten. Bei Erpressung, Drohungen oder akuter Gefahr über den Notruf 110, sonst über die örtliche Dienststelle oder die Onlinewache deines Bundeslands.
  • Bei einer Meldestelle melden. jugendschutz.net nimmt Hinweise über ein Meldeformular entgegen, ebenso die Internet-Beschwerdestelle von eco und FSM. Beide prüfen die Hinweise und setzen sich dafür ein, dass solche Inhalte entfernt werden.
  • Die Plattform informieren. Jeder große Dienst hat eine Meldefunktion direkt am Beitrag.
  • Take It Down nutzen. Der Dienst des US-amerikanischen National Center for Missing & Exploited Children (takeitdown.ncmec.org) hilft, Nackt- oder sexualisierte Bilder von Minderjährigen von teilnehmenden Plattformen fernzuhalten, auch gefälschte. Das Bild verlässt dabei nicht das Gerät, es wird nur ein digitaler Fingerabdruck, ein sogenannter Hash, übermittelt. Dafür muss das Bild bereits auf deinem Gerät liegen, lade es also nicht extra herunter. Der Dienst ist kostenlos, anonym und auch von Deutschland aus nutzbar. Er wirkt nur bei Plattformen, die mitmachen, und nicht bei verschlüsselten Messengern.
  • Dem Kind den Rücken stärken. Wenn dein Kind betroffen ist, braucht es vor allem einen Satz: Du hast nichts falsch gemacht. Schuld hat, wer das Bild missbraucht.

Hilfe und Beratung gibt es auch am Telefon. Das Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch ist anonym und kostenfrei unter 0800 22 55 530 erreichbar, montags, mittwochs und freitags von 9–14 Uhr, dienstags und donnerstags von 15–20 Uhr. Mehr Infos stehen auf dem Hilfe-Portal. Bei der Nummer gegen Kummer finden Kinder und Jugendliche unter 116 111 ein offenes Ohr, montags bis samstags von 14–20 Uhr. Eltern erreichen das Elterntelefon unter 0800 111 0550, montags, mittwochs und freitags von 9–17 Uhr, dienstags und donnerstags von 9–19 Uhr.

Was bleibt

Kinder dürfen sichtbar sein. Sie sollen auf Familienfotos auftauchen, in Alben, bei der Oma auf dem Kühlschrank. Die Frage ist nur, wie groß der Kreis ist, der sie sieht, und ob das Kind diesen Kreis später selbst gutheißen würde. Ein Status für dreihundert Kontakte ist eine andere Entscheidung als ein Foto, das du direkt an zwei Menschen schickst. Wer das im Kopf behält, muss auf schöne Momente nicht verzichten. Er hebt sie nur dort auf, wo sie dem Kind gehören.

Quellen: Bundeskriminalamt, Informationskampagne „Kinderbilder gehören nicht ins Netz“ · Polizeiliche Kriminalprävention, Kinder sind kein Content: Darum gehören Kinderfotos nicht ins Netz, 17.06.2026 · jugendschutz.net, Vorstellung des Jahresberichts 2025, 19.05.2026 · Deutsches Kinderhilfswerk, Kinderfotos im Netz · Internet Watch Foundation, AI Child Sexual Abuse Imagery: Parent Safety Guide (englisch) · The Guardian, UK parents warned over posting images of children amid AI sexual abuse fears (englisch), 03.07.2026 · The Guardian, Internet Watch Foundation reports huge rise in AI child sexual abuse material (englisch), 05.10.2026 · The Guardian, UK schools should remove pupils’ online photos as AI blackmail threat grows (englisch), 08.05.2026 · BBC, ‘Sharenting’ puts young at risk of online fraud (englisch), 21.05.2018 · Deutsche Telekom, A Message from Ella (englisch), 03.07.2023 · NCMEC, Take It Down und FAQ (englisch) · NCMEC, Generative AI (englisch) · WhatsApp-Hilfebereich, Status-Privatsphäre verwalten · Nummer gegen Kummer, Elterntelefon

Häufige Fragen

Was bedeutet Sharenting?
Das Wort setzt sich aus den englischen Begriffen share (teilen) und parenting (Elternschaft) zusammen. Gemeint ist, dass Eltern Fotos, Videos und Geschichten ihrer Kinder im Netz teilen, öffentlich auf Instagram oder Facebook genauso wie im WhatsApp-Status oder in Familiengruppen. Das Wort sagt nichts über die Absicht. Fast immer steckt Stolz oder Freude dahinter, das Problem entsteht erst über die Jahre und über die Reichweite.
Wer sieht meinen WhatsApp-Status mit Kinderfotos?
In der Standardeinstellung sehen deinen Status alle deine Kontakte. Bei vielen Menschen sind das Hunderte, darunter Handwerker, frühere Kolleginnen oder Eltern aus der Kita, die man kaum kennt. Der Status verschwindet nach 24 Stunden, ein Screenshot oder eine weitergeleitete Kopie bleibt. In den Datenschutz-Einstellungen für den Status kannst du den Kreis auf ausgewählte Kontakte begrenzen.
Kann ich Kinderfotos sicher verschicken?
Sicherer ja, ganz sicher nein. Ein Foto direkt an eine Person zu schicken ist besser als ein Status für alle Kontakte. Sobald das Bild aber auf einem anderen Gerät liegt, entscheidet diese Person, was damit passiert, und ihr Handy sichert es womöglich in eine Cloud. Schick Kinderfotos nur an Menschen, denen du vertraust, und bitte sie, sie nicht weiterzuleiten. Ein geteiltes Familienalbum mit eingeladenen Mitgliedern hält die Bilder an einem Ort zusammen.
Reicht ein Emoji übers Gesicht?
Ein deckender Sticker über dem Gesicht senkt das Risiko, dass das Bild das Kind zeigt, das man wiedererkennt. Wichtig ist, dass du das bearbeitete Bild als neue Datei speicherst und genau diese teilst. Das Original bleibt auf deinem Handy und oft in der Cloud. Außerdem verrät ein Bild mehr als das Gesicht: Schulranzen, Vereinstrikot, Straße und Bildunterschrift bleiben sichtbar.
Sollte ich ein Foto meines Kindes als WhatsApp-Profilbild nehmen?
Eher nicht. Das Profilbild sehen, je nach Einstellung, alle deine Kontakte oder sogar alle, die deine Nummer haben, auch wenn du sie nie gespeichert hast. Es ist das Bild, das am längsten und am breitesten sichtbar ist. Ein Urlaubsmotiv, ein Haustier oder ein Foto von dir selbst erfüllt denselben Zweck.
Kann man Kinderfotos aus dem Internet wieder löschen?
Den eigenen Beitrag kannst du jederzeit löschen oder auf privat stellen, und das lohnt sich. Kopien, die andere gespeichert, per Screenshot festgehalten oder weitergeleitet haben, erreichst du damit nicht. Auch Suchmaschinen und Archive können eine Zeit lang ältere Fassungen zeigen. Deshalb hilft vorher entscheiden mehr als hinterher aufräumen.
← Alle Artikel